Bambussprossen und Writers in Exile

Exil-PEN Sektion deutschsprachige Länder – Frankfurt 10.2018

Gegen Mitte der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts lebte unsere Familie bereits einige Jahre in der neuen Heimat Deutschland. Zu dieser Zeit waren die vietnamesischen Magazine “Unabhängigkeit“ (Độc Lập) und “Bambussprossen“ (Măng Non) die einzig verfügbare und damit wertvollste geistige Nahrung für uns. Deutsch zu lernen war für uns die größte Herausforderung. Denn mag man sich noch so bemühen, die Beherrschung liegt so fern wie die Heimat. Deshalb lechzten wir nach allem, was in unserer Sprache geschrieben ist. Sobald wir eine Zeitung, oder eine Zeitschrift der vietnamesischen Sprache in die Hand bekamen, lasen wir sämtliche Artikel, von vorn bis hinten, dann noch einmal, und noch einmal, und noch ein letztes Mal, damit bloß kein Wort und kein Satzzeichen übersehen wurde. Die Zeitungen, die Zeitschriften wanderten von einem Familienmitglied zum anderen und zurück, und befanden sich in einer Endlosschleife, bis etwas Neues kam.

Bereits im zarten Alter gewöhnte ich mich daran, zu allem Notizen zu machen: Irgendwelche zusammenhanglose Wörter, manchmal Wortgruppen, oft kein Anfang, kein Ende, kein Kontext, also alles, nur nicht vollständig. Ein gut klingender Spruch, ein paar Verse eines sinnlichen Gedichts waren ein triftiger Grund für mich, Tinte, Feder und kunstvolles Papier zu holen. Zahllose dicke, dünne, große, kleine Hefte dienten nur diesem Zweck, und am Ende reichten sie doch nicht. Also geisterten allmählich immer mehr kleingeschriebene vietnamesische Brocken in den Schulheften der Oberstufe des Gymnasiums herum. Wie gut, dass man in Deutschland die Schulbücher und -hefte fast nie kontrolliert, sonst wären meine Noten im sozialen Verhalten unvorteilhaft ausgefallen. Der Deutschlehrer hätte wochenlang gerätselt, ob diese vietnamesischen Brocken eine gewisse Relevanz zu den Ausgebeuteten und den Ausbeutern in “Die Waage der Baleks“ von Heinrich Böll haben würden.

Trotz der extrem bescheidenen finanziellen Verhältnisse einer BWL-Studentin der 80er Jahre wagte ich, in das Luxusgut “Computer“ zu investieren. Mein “Schatz“, mit dem Aussehen eines Panzerschranks, der lediglich die Schreibfunktion meisterte, war für mich bei den vielen Referaten, Hausarbeiten und dann letztendlich der Diplomarbeit ein unentbehrlicher Helfer.

Schlechtes Gewissen empfand ich schon, wenn ich den Computer zweckfremd benutzte, nämlich für das Schreiben meiner Geschichten. Die Eingabe der diakritischen Zeichen war allerdings nicht möglich, ist aber für die Bedeutung einzelner vietnamesischer Worte unerlässlich. Also verfasste ich die Texte eben ohne diese Zeichen, um sie anschließend ganz klassisch mit dem Bleistift auf den gedruckten Blättern nachzutragen.

Mein erstes “Werk“ war die Kindergeschichte “Hund, Katze, Vogel, Fisch“, die in der Zeitschrift “Bambussprossen“ erschien. Mit Leidenschaft zu Literatur und Muttersprache legte der promovierte Chemiker Ngô Nguyên Dũng das Magazin für Vietnamesen auf, dem er seine ganze Freizeit widmete. Alsbald stellte er freilich fest, dass intellektuelle Arbeit bei weitem nicht ausreichte, damit die Ausgaben schließlich auch bei seinen Landsleuten auch ankamen. Also übernahm er auch die gesamte Logistik inklusive des Postversands. Die Welt war zu diesem Zeitpunkt noch weit von elektronischer Post entfernt. Man konnte nicht alle zwei Minuten einen Blick auf sein Postfach werfen. Deshalb schaute man voller Erwartung mindestens einmal am Tag in den Briefkasten. Sogar an manchen Sonntagen wurde der Briefkasten durchsucht. Schließlich wußte man ja nicht, ob der Postbeamte vielleicht aus Langeweile am Ruhetag seine Briefe verteilt.

Die Postkarte mit Ngô Nguyên Dũng ‘s Handschrift, “Deine geschriebene Geschichte ist so schön. Schreib weiter“ hat mich sehr motiviert, fleißig an weiteren Geschichten zu basteln. Bedauerlicherweise konnte die Zeitschrift nicht lange fortbestehen. Trotz heroischem Einsatz und großer Liebe zur literarischen Tätigkeit musste er seinen Einmannbetrieb am Ende einstellen. Er empfahl mir, die Geschichten an andere Magazine in den USA und Kanada zu schicken. Gerne folgte ich seinem Rat.

Allmählich habe ich mein Netzwerk mit vietnamesischen Schriftstellern weltweit vergrößert. Mittlerweile erscheinen meine Geschichten in diversen Zeitschriften, Magazinen, Sonderausgaben in Europa sowie in den USA und Kanada.

Seitdem ich in Bad Nauheim wohne, ist die jährliche Buchmesse im benachbarten Frankfurt eine Pflichtveranstaltung für mich. Dieses Jahr hat die Veranstaltung für uns Vietnamesen eine besondere Bedeutung. Denn mit der Schriftstellerin Nguyễn Ngọc Tư, die direkt aus Vietnam nach Deutschland kam, bekommt eine Landsfrau den LiBeraturpreis. Obwohl Ngô Nguyên Dũng großes Interesse an der Buchmesse hatte, konnte er es nicht mehr einrichten, hinzufahren. Allerdings schaffte er es, an der Jahresversammlung des Exil-PEN teilzunehmen, die zwei Wochen nach der Buchmesse in Frankfurt stattfand.

Er lud mich zu den Lesungen während der Tagung ein und empfahl mir die Exil-PEN-Mitgliedschaft. Bei dem Präsidenten des Exil-PEN, Herrn Prof. Schlott, erkundigte er sich, wie man Mitglied des Exil-PEN werden kann. Die Voraussetzungen sind: man beschäftigt sich schon einige Zeit mit der Literatur und hat bereits Publikationen. Außerdem sind Referenzen von zwei Schriftstellern erforderlich. Die erste Referenz bekam ich von, wer sollte es sonst sein, Ngô Nguyên Dũng. Die zweite Referenz kam von Herrn Phu Van, dem Chefredakteur der Zeitschrift der Vietnamesen und Buddistischen Vietnamflüchtlinge in Deutschland “Die Vollkommene Erleuchtung“ (Viên Giác).

Erst als ich bei der Versammlung war, erfuhr ich, dass es zwei Referenzen von PEN-Mitgliedern bedarf. Die Referenz von Herr Phu Van half mir also nicht wirklich, auch wenn sie mich stolz machte. Ein Segen, dass die Kassenprüferin Frau Dr. Schapiro zufällig vor Ort war und den ungemein pragmatischen Vorschlag machte, doch gleich Prof. Schlott darum zu bitten. Dann bekam ich die freundliche Unterstützung von Herrn Seiler, dem Generalsekretär des Exil-PEN deutschsprachige Länder. Er übernahm weitere Schritte, so dass die Vorschriften/Spielregeln des Vereins ordnungsgemäß eingehalten werden.

Im Clubraum 1 des Saalbaus in Frankfurt Bornheim, hatte ich die erste Begegnung mit Exil-PEN. Obwohl eigentlich ausreichende Zeit für die Fahrt von Bad Nauheim nach Frankfurt eingeplant war, kam ich doch ein paar Minuten zu spät und verpasste das Wort des Moderators der zweiten Leserunde. Deshalb dämmerte es mir erst langsam, dass es sich um einen exklusiven Zirkel von Autoren handelt, die sich in der Literatur längst einen Namen gemacht haben, und dass manche von ihnen auch die Malerei in ihre Werke einfließen lassen. Freude, Furcht, Stolz, Minderwertigkeitsgefühl, Überschwang wechselten sich ab im Sekundentakt, wie bei einem Viertklässler, der sich plötzlich mitten im Hörsaal einer Universität wiederfindet.

Die meisten Mitglieder kommen aus Osteuropa und aus dem mittleren Osten. Ngô Nguyên Dũng ist das einzige Mitglied aus Asien, das an der diesjährigen Tagung anwesend war. Er las einen Abschnitt aus seinem Roman und erzählte zum Schluss, dass er viele Jahre zu kämpfen hatte, weil er diesen Roman direkt in Deutsch schrieb.

Prof. Schlott fragte mich, welchen Beitrag ich zum Club leisten würde, wenn ich Mitglied wäre. Kurz fasste ich zusammen, was ich gemacht habe, was ich im Moment tue und was meine weiteren Pläne sind. Der Schwerpunkt meiner Kurzgeschichten bleibt das Leben der Vietnamesen im Ausland. Meine drei veröffentlichten Erzählbände sowie die zahlreichen Artikel bei diversen Online-Magazinen in Deutschland, den USA und Kanada hatten stets thematischen Hintergrund, warum wir Vietnamesen, nicht in unserer Heimat Vietnam, sondern in Deutschland und anderen westlichen Ländern leben. Die Texte handeln von den Anstrengungen, die wir unternommen haben, um uns in die deutsche Gesellschaft zu integrieren, und was wir dem Land zurückgeben können, das uns vor vielen Jahren die Möglichkeit gab, ein Leben in Freiheit und Würde zu führen und nun für uns die zweite Heimat geworden ist.

Während des ersten Teils der Jahresversammlung des Exil-PEN blieben die neu aufgenommenen Mitglieder im Clubraum 2. In dieser kurzen Zeit kam ich mit der Slowenin Slavica Mastikosa ins Gespräch. Als sie erfuhr, dass ich aus Vietnam komme, erzählte sie von ihrem Erlebnis, als sie Anfang der 80er Jahre als Krankenschwester in einem Krankenhaus in Norddeutschland arbeitete. Das Schiff Cap Anamur brachte in dieser Zeit mehrmals im Hamburger Hafen die Boat People an Land, die man zuvor im Südchinesischen Meer oftmals in letzter Sekunde vor dem Ertrinken gerettet hatte. Viele waren körperlich und nervlich am Ende und mussten im Krankenhaus behandelt werden. Von den Flüchtlingen hörte sich Slavica Mastikosa viele teilweise dramatische Geschichten an. Aber keine bewegte sie mehr als die einer vietnamesischen Mutter, die zusammen mit ihrem Bruder und ihrem Baby auf dem Arm auf einem Boot in die Freiheit flüchten wollte. Als ihr Bruder schon im Boot war, wurde sie zurückgewiesen, weil das Boot bereits überladen war. Für wenige Augenblicke stand die Mutter wie versteinert da, bis der Gedanke an eine bessere Zukunft ihres Babys einsetzte. Sie schrie ihrem Bruder zu: “Du musst meinen Sohn mitnehmen und für ihn sorgen!“ und warf ihr geliebtes Kind auf das Boot. Die Hoffnung auf ein würdiges Leben für ihren Sohn siegte über ihre Muttergefühle, auch wenn sie nicht wusste, ob sie ihn jemals wiedersehen würde. Glücklicherweise erreichte der junge Mann mit dem anvertrauten Neffen auf der Cap Anamur den Hafen der Freiheit. Seine Schwester konnte er informieren, dass ihr Traum wahr wurde. Diese Geschichte über Vietnamesen erzählte Slavica Mastikosa in ihrem Buch auf Slowenisch schon in den 90er Jahren. Aber mehr als drei Jahrzehnte später bebte ihre Stimme immer noch.

In der Kaffeepause unterhielten wir uns weiter über das Thema Generationenkonflikt zwischen den Vietnamesen, die als Erwachsene nach Deutschland kamen und deren Kinder, die in Deutschland geboren sind. Dies weckte das Interesse einiger Teilnehmer. Stolz zeigte ich meinen Artikel Yêu Lời Mẹ Ru “Das liebevolle Wiegenlied“ in der Zeitschrift “Die Vollkommene Erleuchtung“ (Viên Giác), in dem ich die Entwicklung unseres Sohnes schilderte, die von seiner Kindheit, als er mit drei deutschen Worten in den Kindergarten kam, bis zu seinem jetzigen Leben als Volljurist reicht.

Frau Hehn, die Vizepräsidentin, sprach mich ganz nett an: “Wir werden schauen, dass Sie in unserer nächsten Jahresversammlung einen Auszug aus Ihren Geschichten lesen. Wir wollen weitere Stimmen aus Fernost hören.“ Es wird wohl eine überaus mächtige Herausforderung werden, meine Geschichten ins Deutsche zu übersetzen. Aber die Freude über das Ziel ist so grandios, dass die Bedenken zunächst einmal klein erscheinen. Es sind ja auch noch einige Monate bis dahin.

Es sind mehr als 30 Jahre vergangen, seit mein erster Artikel veröffentlicht wurde. Inzwischen arbeite ich mit zahlreichen Magazinen weltweit zusammen, allerdings ausschließlich in vietnamesischer Sprache. Für die drei Erzählbände, die in den letzten vier Jahren erschienen, gab es ermutigendes Feedback. Ein Grund mehr, weiterzumachen.

Heute möchte ich die Geschichte über den Weg von “Bambussprossen“ zu “Writers in Exile“ auf Vietnamesisch erzählen. Ich bin mir ganz sicher, am Ende wird “Bruder“ Dũng sagen: “Du solltest daran bleiben und noch mehr erzählen. Und jeweils die deutsche Übersetzung dazu bitte.“ Und ich werde mir ganz sicher meinen Teil dazu denken: “Warum schon morgen etwas erledigen, wenn es auch übermorgen noch früh genug ist.“ Denn der morgige Samstag ist für meine jungen Vietnamesisch-Schüler da. Man tut eben sein Bestes, um eines Tages überflüssig zu sein.

Aber übermorgen, am Sonntag, werde ich ganz gewiss meine Feder und Tinte wieder bemühen, um einige Kurzgeschichten von Hoàng Quân ins Deutsche zu übersetzen.

 

Hoàng Quân
(Thuy Hoang-Truong)
Oktober 2018

 

Bambussprossen und Writers in Exile

Exil-PEN Sektion deutschsprachige Länder – Frankfurt 10.2018

Gegen Mitte der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts lebte unsere Familie bereits einige Jahre in der neuen Heimat Deutschland. Zu dieser Zeit waren die vietnamesischen Magazine “Unabhängigkeit“ (Độc Lập) und “Bambussprossen“ (Măng Non) die einzig verfügbare und damit wertvollste geistige Nahrung für uns. Deutsch zu lernen war für uns die größte Herausforderung. Denn mag man sich noch so bemühen, die Beherrschung liegt so fern wie die Heimat. Deshalb lechzten wir nach allem, was in unserer Sprache geschrieben ist. Sobald wir eine Zeitung, oder eine Zeitschrift der vietnamesischen Sprache in die Hand bekamen, lasen wir sämtliche Artikel, von vorn bis hinten, dann noch einmal, und noch einmal, und noch ein letztes Mal, damit bloß kein Wort und kein Satzzeichen übersehen wurde. Die Zeitungen, die Zeitschriften wanderten von einem Familienmitglied zum anderen und zurück, und befanden sich in einer Endlosschleife, bis etwas Neues kam.

Bereits im zarten Alter gewöhnte ich mich daran, zu allem Notizen zu machen: Irgendwelche zusammenhanglose Wörter, manchmal Wortgruppen, oft kein Anfang, kein Ende, kein Kontext, also alles, nur nicht vollständig. Ein gut klingender Spruch, ein paar Verse eines sinnlichen Gedichts waren ein triftiger Grund für mich, Tinte, Feder und kunstvolles Papier zu holen. Zahllose dicke, dünne, große, kleine Hefte dienten nur diesem Zweck, und am Ende reichten sie doch nicht. Also geisterten allmählich immer mehr kleingeschriebene vietnamesische Brocken in den Schulheften der Oberstufe des Gymnasiums herum. Wie gut, dass man in Deutschland die Schulbücher und -hefte fast nie kontrolliert, sonst wären meine Noten im sozialen Verhalten unvorteilhaft ausgefallen. Der Deutschlehrer hätte wochenlang gerätselt, ob diese vietnamesischen Brocken eine gewisse Relevanz zu den Ausgebeuteten und den Ausbeutern in “Die Waage der Baleks“ von Heinrich Böll haben würden.

Trotz der extrem bescheidenen finanziellen Verhältnisse einer BWL-Studentin der 80er Jahre wagte ich, in das Luxusgut “Computer“ zu investieren. Mein “Schatz“, mit dem Aussehen eines Panzerschranks, der lediglich die Schreibfunktion meisterte, war für mich bei den vielen Referaten, Hausarbeiten und dann letztendlich der Diplomarbeit ein unentbehrlicher Helfer.

Schlechtes Gewissen empfand ich schon, wenn ich den Computer zweckfremd benutzte, nämlich für das Schreiben meiner Geschichten. Die Eingabe der diakritischen Zeichen war allerdings nicht möglich, ist aber für die Bedeutung einzelner vietnamesischer Worte unerlässlich. Also verfasste ich die Texte eben ohne diese Zeichen, um sie anschließend ganz klassisch mit dem Bleistift auf den gedruckten Blättern nachzutragen.

Mein erstes “Werk“ war die Kindergeschichte “Hund, Katze, Vogel, Fisch“, die in der Zeitschrift “Bambussprossen“ erschien. Mit Leidenschaft zu Literatur und Muttersprache legte der promovierte Chemiker Ngô Nguyên Dũng das Magazin für Vietnamesen auf, dem er seine ganze Freizeit widmete. Alsbald stellte er freilich fest, dass intellektuelle Arbeit bei weitem nicht ausreichte, damit die Ausgaben schließlich auch bei seinen Landsleuten auch ankamen. Also übernahm er auch die gesamte Logistik inklusive des Postversands. Die Welt war zu diesem Zeitpunkt noch weit von elektronischer Post entfernt. Man konnte nicht alle zwei Minuten einen Blick auf sein Postfach werfen. Deshalb schaute man voller Erwartung mindestens einmal am Tag in den Briefkasten. Sogar an manchen Sonntagen wurde der Briefkasten durchsucht. Schließlich wußte man ja nicht, ob der Postbeamte vielleicht aus Langeweile am Ruhetag seine Briefe verteilt.

Die Postkarte mit Ngô Nguyên Dũng ‘s Handschrift, “Deine geschriebene Geschichte ist so schön. Schreib weiter“ hat mich sehr motiviert, fleißig an weiteren Geschichten zu basteln. Bedauerlicherweise konnte die Zeitschrift nicht lange fortbestehen. Trotz heroischem Einsatz und großer Liebe zur literarischen Tätigkeit musste er seinen Einmannbetrieb am Ende einstellen. Er empfahl mir, die Geschichten an andere Magazine in den USA und Kanada zu schicken. Gerne folgte ich seinem Rat.

Allmählich habe ich mein Netzwerk mit vietnamesischen Schriftstellern weltweit vergrößert. Mittlerweile erscheinen meine Geschichten in diversen Zeitschriften, Magazinen, Sonderausgaben in Europa sowie in den USA und Kanada.

Seitdem ich in Bad Nauheim wohne, ist die jährliche Buchmesse im benachbarten Frankfurt eine Pflichtveranstaltung für mich. Dieses Jahr hat die Veranstaltung für uns Vietnamesen eine besondere Bedeutung. Denn mit der Schriftstellerin Nguyễn Ngọc Tư, die direkt aus Vietnam nach Deutschland kam, bekommt eine Landsfrau den LiBeraturpreis. Obwohl Ngô Nguyên Dũng großes Interesse an der Buchmesse hatte, konnte er es nicht mehr einrichten, hinzufahren. Allerdings schaffte er es, an der Jahresversammlung des Exil-PEN teilzunehmen, die zwei Wochen nach der Buchmesse in Frankfurt stattfand.

Er lud mich zu den Lesungen während der Tagung ein und empfahl mir die Exil-PEN-Mitgliedschaft. Bei dem Präsidenten des Exil-PEN, Herrn Prof. Schlott, erkundigte er sich, wie man Mitglied des Exil-PEN werden kann. Die Voraussetzungen sind: man beschäftigt sich schon einige Zeit mit der Literatur und hat bereits Publikationen. Außerdem sind Referenzen von zwei Schriftstellern erforderlich. Die erste Referenz bekam ich von, wer sollte es sonst sein, Ngô Nguyên Dũng. Die zweite Referenz kam von Herrn Phu Van, dem Chefredakteur der Zeitschrift der Vietnamesen und Buddistischen Vietnamflüchtlinge in Deutschland “Die Vollkommene Erleuchtung“ (Viên Giác).

Erst als ich bei der Versammlung war, erfuhr ich, dass es zwei Referenzen von PEN-Mitgliedern bedarf. Die Referenz von Herr Phu Van half mir also nicht wirklich, auch wenn sie mich stolz machte. Ein Segen, dass die Kassenprüferin Frau Dr. Schapiro zufällig vor Ort war und den ungemein pragmatischen Vorschlag machte, doch gleich Prof. Schlott darum zu bitten. Dann bekam ich die freundliche Unterstützung von Herrn Seiler, dem Generalsekretär des Exil-PEN deutschsprachige Länder. Er übernahm weitere Schritte, so dass die Vorschriften/Spielregeln des Vereins ordnungsgemäß eingehalten werden.

Im Clubraum 1 des Saalbaus in Frankfurt Bornheim, hatte ich die erste Begegnung mit Exil-PEN. Obwohl eigentlich ausreichende Zeit für die Fahrt von Bad Nauheim nach Frankfurt eingeplant war, kam ich doch ein paar Minuten zu spät und verpasste das Wort des Moderators der zweiten Leserunde. Deshalb dämmerte es mir erst langsam, dass es sich um einen exklusiven Zirkel von Autoren handelt, die sich in der Literatur längst einen Namen gemacht haben, und dass manche von ihnen auch die Malerei in ihre Werke einfließen lassen. Freude, Furcht, Stolz, Minderwertigkeitsgefühl, Überschwang wechselten sich ab im Sekundentakt, wie bei einem Viertklässler, der sich plötzlich mitten im Hörsaal einer Universität wiederfindet.

Die meisten Mitglieder kommen aus Osteuropa und aus dem mittleren Osten. Ngô Nguyên Dũng ist das einzige Mitglied aus Asien, das an der diesjährigen Tagung anwesend war. Er las einen Abschnitt aus seinem Roman und erzählte zum Schluss, dass er viele Jahre zu kämpfen hatte, weil er diesen Roman direkt in Deutsch schrieb.

Prof. Schlott fragte mich, welchen Beitrag ich zum Club leisten würde, wenn ich Mitglied wäre. Kurz fasste ich zusammen, was ich gemacht habe, was ich im Moment tue und was meine weiteren Pläne sind. Der Schwerpunkt meiner Kurzgeschichten bleibt das Leben der Vietnamesen im Ausland. Meine drei veröffentlichten Erzählbände sowie die zahlreichen Artikel bei diversen Online-Magazinen in Deutschland, den USA und Kanada hatten stets thematischen Hintergrund, warum wir Vietnamesen, nicht in unserer Heimat Vietnam, sondern in Deutschland und anderen westlichen Ländern leben. Die Texte handeln von den Anstrengungen, die wir unternommen haben, um uns in die deutsche Gesellschaft zu integrieren, und was wir dem Land zurückgeben können, das uns vor vielen Jahren die Möglichkeit gab, ein Leben in Freiheit und Würde zu führen und nun für uns die zweite Heimat geworden ist.

Während des ersten Teils der Jahresversammlung des Exil-PEN blieben die neu aufgenommenen Mitglieder im Clubraum 2. In dieser kurzen Zeit kam ich mit der Slowenin Slavica Mastikosa ins Gespräch. Als sie erfuhr, dass ich aus Vietnam komme, erzählte sie von ihrem Erlebnis, als sie Anfang der 80er Jahre als Krankenschwester in einem Krankenhaus in Norddeutschland arbeitete. Das Schiff Cap Anamur brachte in dieser Zeit mehrmals im Hamburger Hafen die Boat People an Land, die man zuvor im Südchinesischen Meer oftmals in letzter Sekunde vor dem Ertrinken gerettet hatte. Viele waren körperlich und nervlich am Ende und mussten im Krankenhaus behandelt werden. Von den Flüchtlingen hörte sich Slavica Mastikosa viele teilweise dramatische Geschichten an. Aber keine bewegte sie mehr als die einer vietnamesischen Mutter, die zusammen mit ihrem Bruder und ihrem Baby auf dem Arm auf einem Boot in die Freiheit flüchten wollte. Als ihr Bruder schon im Boot war, wurde sie zurückgewiesen, weil das Boot bereits überladen war. Für wenige Augenblicke stand die Mutter wie versteinert da, bis der Gedanke an eine bessere Zukunft ihres Babys einsetzte. Sie schrie ihrem Bruder zu: “Du musst meinen Sohn mitnehmen und für ihn sorgen!“ und warf ihr geliebtes Kind auf das Boot. Die Hoffnung auf ein würdiges Leben für ihren Sohn siegte über ihre Muttergefühle, auch wenn sie nicht wusste, ob sie ihn jemals wiedersehen würde. Glücklicherweise erreichte der junge Mann mit dem anvertrauten Neffen auf der Cap Anamur den Hafen der Freiheit. Seine Schwester konnte er informieren, dass ihr Traum wahr wurde. Diese Geschichte über Vietnamesen erzählte Slavica Mastikosa in ihrem Buch auf Slowenisch schon in den 90er Jahren. Aber mehr als drei Jahrzehnte später bebte ihre Stimme immer noch.

In der Kaffeepause unterhielten wir uns weiter über das Thema Generationenkonflikt zwischen den Vietnamesen, die als Erwachsene nach Deutschland kamen und deren Kinder, die in Deutschland geboren sind. Dies weckte das Interesse einiger Teilnehmer. Stolz zeigte ich meinen Artikel Yêu Lời Mẹ Ru “Das liebevolle Wiegenlied“ in der Zeitschrift “Die Vollkommene Erleuchtung“ (Viên Giác), in dem ich die Entwicklung unseres Sohnes schilderte, die von seiner Kindheit, als er mit drei deutschen Worten in den Kindergarten kam, bis zu seinem jetzigen Leben als Volljurist reicht.

Frau Hehn, die Vizepräsidentin, sprach mich ganz nett an: “Wir werden schauen, dass Sie in unserer nächsten Jahresversammlung einen Auszug aus Ihren Geschichten lesen. Wir wollen weitere Stimmen aus Fernost hören.“ Es wird wohl eine überaus mächtige Herausforderung werden, meine Geschichten ins Deutsche zu übersetzen. Aber die Freude über das Ziel ist so grandios, dass die Bedenken zunächst einmal klein erscheinen. Es sind ja auch noch einige Monate bis dahin.

Es sind mehr als 30 Jahre vergangen, seit mein erster Artikel veröffentlicht wurde. Inzwischen arbeite ich mit zahlreichen Magazinen weltweit zusammen, allerdings ausschließlich in vietnamesischer Sprache. Für die drei Erzählbände, die in den letzten vier Jahren erschienen, gab es ermutigendes Feedback. Ein Grund mehr, weiterzumachen.

Heute möchte ich die Geschichte über den Weg von “Bambussprossen“ zu “Writers in Exile“ auf Vietnamesisch erzählen. Ich bin mir ganz sicher, am Ende wird “Bruder“ Dũng sagen: “Du solltest daran bleiben und noch mehr erzählen. Und jeweils die deutsche Übersetzung dazu bitte.“ Und ich werde mir ganz sicher meinen Teil dazu denken: “Warum schon morgen etwas erledigen, wenn es auch übermorgen noch früh genug ist.“ Denn der morgige Samstag ist für meine jungen Vietnamesisch-Schüler da. Man tut eben sein Bestes, um eines Tages überflüssig zu sein.

Aber übermorgen, am Sonntag, werde ich ganz gewiss meine Feder und Tinte wieder bemühen, um einige Kurzgeschichten von Hoàng Quân ins Deutsche zu übersetzen.

 

Hoàng Quân
(Thuy Hoang-Truong)
Oktober 2018

 

 

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