So werden die Arbeiten unserer Mitglieder rezensiert:

Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien

10. Februar 2018

Eigenwillige, innovative Betrachtung von Heimat
S. Katharina Eismanns neuer Gedichtband „Reise durch die Heimat. Von Offenbach nach Temeswar“ / Von Wolfgang Schlott

Der fantasievoll von Marto O‘Sigma gestaltete Einband, auf dem unten links Offenbach am Main als Schild und rechts unten die Abbildung des römisch-katholischen Doms in Temeswar zu sehen ist, verweist auf der schriftlichen wie auch auf der bildsymbolischen Ebene auf eine ungewöhnliche Reise. Es ist die Darstellung des Stoffdrachens auf dem schwarzen Hintergrund des Titeleinbands, der den Betrachter bei dessen vergleichendem Blick auf den Titel des Gedichtbandes zunächst irritiert und ihn zu der Frage bewegt: Geht die poetische Reise der Autorin durch die Heimat hindurch oder verfolgt sie ein bestimmtes Ziel?

Die Biografie von Katharina Eismann gibt darauf in Stichworten eine vorläufige Antwort: 1964 unter Donauschwaben, Ungarn und Serben in Temeswar/Timi{oara geboren, 1980 in die Bundesrepublik Deutschland emigriert, in den 1990er Jahren Studi- um der Slawistik, Übersetzerin für Englisch, Spanisch und Französisch. Dann der „Quer- einstieg in ein Kreativunternehmen im Frankfurter Osthafen“ (S. 105), eine stattliche Anzahl von Gedichten, Auftritte auf Kleinstbühnen und eine beginnende Karriere als Organisationsmanagerin. Und nun der Gedichtband von einer Reise mit einem „Paprikaraumschiff, (das) „mein Traum- schiff (ist)“. Es ist eine Reise voller Überra- schungen, Sascha, Sven und Stolly gewid- met, eingeleitet durch ein tiefgründendes Vor-Wort von Jürgen Eichenauer, Leiter im

Haus der Stadtgeschichte in Offenbach. Er gibt einen umfassenden Einblick in die wech- selvolle Geschichte der Donauschwaben, indem er Katharina Eismanns poetisches Schaffen als einen Versuch wertet, von Offenbach aus eine eigenwillige, innovative Betrachtung von Heimat vorzunehmen. Es sind geografische und kulturhistorische Überlagerungen, Ergebnisse von militärgeschichtlichen Verwerfungen und rassistischer Vernichtung. Rostende Gassen in Te- meswar, brennende Synagogen in Offen- bach, rücksichtslose städtebauliche Eingriffe – die Palette der Einschnitte in die Wahr- nehmung der Main-Monopole Offenbach und der Stadt Temeswar an der Bega ist umfassend. Doch Katharinas Gedichte, die aus der oralen Tradition der mittelalterli- chen Marktschreierinnen und Marktschrei- er rühren, verbinden lustvolle Erinnerungen mit scharfer Kritik an den „Sünden“ der nahen Vergangenheit. Das einleitende „Apfelstück aus Offenbach“ beweist es in voller Länge. Hier spricht kein gefühliges lyrisches Ich, hier geht es von Anfang an um erlebte, fantasievoll aufgeladene Stadtgeschichte. Am Lili-Tempel, jenem vom Ende des 18. Jahrhundert stammenden Pavillon am Main, „hetzt Goethe / im morschen Zaubermantel / durch borstige Schilflieder...“; das Apfelstück am Markthäuschen wird „am Stammtisch der Dialekte“ von zischenden Apfelbetreibern vertilgt; in „Marktsituatio- nen in fünf Akten“ am Offenbacher Markt-

platz tauchen Käseminister auf und „der Bro- tengel hat die mehlige Schürze / von Ostern bis Weihnachten umgebunden.“ Das sind Sah- nestückchen, gebacken in der deftigen Tradi- tion von oraler Volkspoesie, gemischt mit Le- ckerbissen aus urbanen Konditoreien!

Und die Reise nach dem Banat, die Donau entlang, in der visionären Gestalt einer Noma- denbraut? Die überbordende Fantasie und das Gespür für soziale Bruchzonen schaffen immer neue unerwartete Bildfetzen. Da ist es eine Pizzi-Chefin, eine Mafiatante aus „der grünschlammigen / Aktionszentrale / an der Donau“, da „flucht Orban von der Kettenbrü- cke“ in Budapest und da sitzt ein Mokkafürst in der Josefstadt, einem Stadtteil von Temes- war, „zählt seine Wertpapiere / mit einem Satz / macht er einen Satz nach Balkanova.“ Und die Ankunft in der ungekrönten Haupt- stadt vom Banat? Da dröhnt „Balkangepol- ter“, da rumpelt die Tuba im wilden Getrubel, da „lamentiert der Bräutigam/ wer hat meine Braut entführt / Salto im Lamento.“

Katharinas Vorrat an originellen Wortschöpfungen in Verbindung mit gewagten Bildkombinationen scheint unerschöpflich. Hier kreiert eine Poetin unerwartete Gedankensprünge, ohne schwindlig zu werden, hier überlagert sich Vergangenheit mit einer Gegenwart, in der die Akteure auf ihrem Weg vom Main über die Donau zur Bega ihre eigenständigen Wahrnehmungen von vagabundierender Heimat machen. Es ist eine sich auflösende Heimat, in der die Poetin mit

Vehemenz, hoher Kreativität und unbeküm- merter Schaffenslust in ihrem „Paprikaraumschiff“ dicht über der sichtbaren Realität flie- gend ihre lustigen und gewagten Visionen einer umgedrehten Welt schafft.

S. Katharina Eismann: „Reise durch die Heimat. Von Offenbach nach Temes- war“. Gedichte. Größenwahn Verlag Frankfurt/M. 2017, 112 S., 16,90 EURO, ISBN: 978-3-95771-178-6. 

Neue Gedichte von Ilse Hehn: Sandhimmel. Lyrik und Übermalungen
„Und ich jag voller Wut / den Krempel durch die Luft“

von Christina Rossi

Ilse Hehn hat vor einigen Monaten mit einem hochwertig gestalteten Gedichtband ihren Wechsel zu dem jungen, in Ulm ansässigen danube books Verlag vollzogen: Sandhimmel heißt das im Sommer dort entstandene Werk. Es vereint das Genre der Lyrik und das der bildenden Kunst auf eine selbst für Ilse Hehn – deren künstlerische Doppelprofession bereits in früheren Bänden zur Geltung kam – neuartige Weise. Mehr oder weniger bekannten Werken der Kunstgeschichte stellt die Dichterin eigene, alte wie neue Gedichte zur Seite – in der Intention, nicht über die Bilder, sondern gleichsam aus den Bildern heraus zu sprechen. „In den meisten Texten ist es die Person im Bild selbst“, so Hehn, „die über ihre Befindlichkeit oder eine Facette der Liebe reflektiert“. Überdies hat die studierte Kunstwissenschaftlerin Hehn die herangezogenen Kunstwerke selbst malerisch verfremdet. Dieser couragierte Zugang fügt den Werken neue Deutungsmuster hinzu und verstärkt nicht nur vorhandene. Und es sind es vor allem die frühen Gedichte aus ihrem Œuvre, die in diesem unerwarteten Wechselspiel mit den Bildern einen ungeahnten, neuen Resonanzraum erfahren.
„Die Liebe ist eine Portion Sand / ein Sandhimmel / aus Himmel gemacht / du kannst mich reinlegen“ heißt es im ersten, titelgebenden Gedicht. Die Liebe erscheint als Schlüsselmotiv des Bandes, wird jedoch nicht als gefühlsseliges Bild romantischer Beschwörung eingesetzt. Indem sie jenseits ihrer verlockenden Reize („süß und fruchtig / ihren Rost gefühlt in / meinem Hals und / zwischen den Schenkeln ihr / Pochen“) ebenso sehr auch als Bedrohung der eigenen Existenz begriffen wird („Dir / bleibt mein Körper meine Nacht / du wirst mir einen Strick draus drehen“) offenbart Hehn einen unbestechlichen Realismus, der immer die Distanz der Liebenden wahrt und einfordert und dies textuell auch in Form unharmonischer Gefüge spiegelt. Andere Gedichte setzen das Begehren als weitere Facette der Liebe und überzeugen mit ihrer sublimen, trockenen Erotik („Ich möchte dich lieben bei / offener Tür / und so dass draußen die Regenschirme / rot werden vor Scham“).
Sequenzen wie diese werden von leichtfüßig abgründigen Aphorismen abgelöst, die in zahlreichen weiteren Gedichten des Bandes in wohltuend unprätentiöser Weise existenzielle Augenblicke einfangen („Manchmal sterben wir eine Minute lang / in der Straßenbahn“). Es sind häufig Momente erfahrungsgesättigter Einsicht („Tja so ist das Leben / wir haben Gründe genug / baden zu gehen an unserem Laufsteg / an dieser verdammten Echoböschung“), die in poetische Formeln gegossen punktgenau treffen, ohne dabei pathetisch überhöht zu werden. Und nicht selten hat man beim Lesen das Gefühl: In diesen Texten ist kein Wort zu viel.
Die klar gesetzte Sprachführung, die poetische Potentiale zwischen den Zeilen und über die Zeilenränder hinaus immer wieder – aber nicht um jeden Preis – entdeckt und ausschöpft, verhilft dem Band mit einer ganzen Reihe von Gedichten zu beachtlichem Gewicht. Allen Gedichten dieses Bandes merkt man an, dass sie nicht aus dem luftleeren Raum heraus geschaffen sind. Sie entstammen erkennbar der Feder einer erfahrenen Dichterin und zeugen von deren Hingabe einem ganzen Leben gegenüber – in all seinen Dimensionen.
Am Motiv des Märchens, mit dem Hehn als junge Lyrikerin häufig anspielungsreich operierte, hat sie zu einem Esther-Portrait Lucian Freuds einen der stärksten Texte des Bandes geschaffen: „Springen wir durchs nächtliche Feuer / kerb ich kaum Narben dir ein / mein Haar mein Prinz ist kein Goldsee / mein Haar ist Falle kein Reim / hüllt morgens dich ein erwach ich / neben dir / denn dir gehört etwas mir alles / vor allem der Weg zu mir“. Das Gedicht zelebriert das Subjekt als ein zwingend in sich isoliertes – und bricht die Illusion eines jeden (hier auch des Märchenprinzen-)Klischees. Folgerichtig gerät der Rhythmus des Textes aus den Fugen, sobald der Reim sich selbst benennt. So mag es auch für die Liebe gelten.
Bei einer Zahl von 19 Buchveröffentlichungen bietet dieser zwölfte Gedichtband der Autorin mit seinen etwa 50 Gedichten einen großen Raum, in bisweilen nur wenigen Zeilen zahlreiche komplexe Gewebe und Geschichten auszuloten und sich in ihnen und dem Wechselspiel mit der Kunst zu verlieren. Denn in Ilse Hehns Gedichten realisiert sich im besten Sinne die Rolle der Dichtung nach Cocteau: „Sie nimmt den Schleier fort“.

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