Blickwinkel

für Kurt Drawert

Die Kids auf der Rollschuhbahn
in Pier Nummer zwei
gleich neben der Brooklyn Bridge
haben keinen Sinn für die Schönheit
ihrer Umgebung, wenn die Abendsonne
die Liberty streift, rote Lichtpunkte auf Wellen wirft.
Für sie liegt die Freiheit in Eleganz und
Schnelligkeit, mit der sie ihre Runden drehen.
Vielleicht ist es manchmal wichtig, den Rand
loszulassen, einen Schritt nach dem
anderen zu wagen, ganz bei sich zu sein.
Ich sehe die Brücke, die Statue,
am anderen Ufer des Flusses Manhattan
von Dämmerung durchwebt.
Über die Rollschuhbahn steht nichts
in meinem Reiseführer,
aber ich versuche zu verstehen, welche Geschichte
die Bilder erzählen und an welcher Stelle
diese Jungen darin vorkommen.
Die Luft wirkt blau, ich setze mich
auf eine Bank, packe die Kamera weg
und dehne die Zeit.

New York August 2017

Und wie wir endlich zum Mond kamen, war's ein Stück faul Holz

Bisweilen ist es gut ein wenig Abstand zu nehmen
Von all diesen Geschichten zwischen Schreibtisch und Bett
Und einmal so durchzuatmen wie der Astronaut Chris Hadfield.
Als er Space Oddity in einer Raumstation sang

In jenem schwerelosen Zustand der uns beruhigen soll
Und glauben lassen dass die Erde immer noch kein umgestürzter Hafen sei
Und dass sich noch alles um alles drehe sagst du
Und ich schaue dir zu wie du das Atmen vor dem Spiegel übst

Um mir zu beweisen dass wir beide
Noch am Leben sind und sich etwas wie Zärtlichkeit einstellt
Wenn die Luft in den Lungen ausreicht um
Sich in den luftleeren Raum fallen zu lassen und dennoch zu singen

IN PINK

der mann mit pinsel und
sprühdose übermalt zeitungsfetzen zerrissene
teile des täglichen wirrwarrs
an den zäunen europas
bankennot
griechen die im großformat er dann
zusammenpappt und dann mit fugendichtung raumtiefe schafft
ein komischer vogel
selber bunt bemalt
und mit eigenen zeitgesetzen steinalt
und kaum runzelig
aber mit ergrautem bart und haar und sein geist
zeitlos
über den menschen
tiefste abgründe sind ihm
nicht fremd er selber strebt nach würde
und ist unverblümt und bescheiden
ein komischer vogel der menschen malt
mit vielen augen aber bauch und beine
und hände und finger
viele augen
ich vermute, er hat auch noch ein paar versteckte
dieser selbstbemalte mann mit pinsel
und sprühdose in der hand

(eine Hommage an Max Weinberg)

aus:
„zwoelf“
gedichte im gras / am himmel / unter der sonne / & / im schnee
Mit einem Vorwort von Prof. Francesco Fiorentino, Universität Roma Tre
Größenwahnverlag Frankfurt am Main, 2017

AUS DEM KAFFEESATZ EIN SATZ

Temeswar, du warst verlobt mit deinen Vorstadtrosen,
verwohnten Hinterhöfen, amourösen Ganoven,
wachgerüttelt von rabiaten Straßenbahnen

an krummen Haltestellen hingen die Josefstädter Kraken
und müde Fratschlerinnen* überm leeren Karren
Ballerinen wirbelten die Krümel von ihren Plissees

Temeswar, heut stehst du nicht mehr Schlange
falsche Fünfziger husten durch deine Alleen
lungenlose Scherze, Feilscher rochen den Braten

und Schaffellmützen stiefeln aus der Inneren ins Grüne
über venezianische Brücken tief ins Betonierte

Temeswar, auf deinen Gräbern pfeifen Chrysanthemen
deine Straßenbahnen halten an erfrorenen Zitronenstraßen
deine Gassen rosten, Zuckerrosen kleben an Fassaden

Emigranten wienern ihre Narben im Kaffeesatz
aus violetten Rosen
und Pappeln schwimmen durch die Gerade

Banatiade

*Marktfrauen

Ich frage ja nur

An gewissen Tagen scheint es, als sei zwischen literaturproduzierendem Gewerbe und dem Rest der Gesellschaft alles in Ordnung. Die eine Seite tut, als wünsche sie nichts sehnlicher als neue Bücher, die andere, als glaube sie das. Wie ist es wirklich?

Der Geschäftsmann wird, bevor er die Warenwelt mit einem neuen Lutscher bereichert, zu erforschen suchen, wie viele daran lecken und was sie dabei schmecken möchten. Jede Radiostation, die entscheiden muss, welche Schlager sie abdudelt, verfährt ähnlich. Der typische Autor hingegen (fortan TA genannt) glaubt das nicht nur nicht nötig zu haben, er hält sich darauf auch noch etwas zugute. Statt sich dem Leser anzupassen, erwartet er, dass ihm dieser auf halbem Weg ent-gegenkommt. Mindestens. Hat der damit ein Problem, ist TA beleidigt.

Geht das, wie zu erwarten war, schief, reagiert er abermals unvernünftig. Der Unternehmer pflegt sich dann (je nachdem, ob er im Roman oder im richtigen Leben Bankerott macht) eine Kugel durch den Kopf zu jagen oder in ein Land seiner Wahl abzusetzen. Dem TA liegt beides fern. Vom Markt ausgespieen, hätte er allen Grund, sich zu schämen. Statt aber gesenkten Hauptes sein Urteil zu hören oder wenigstens den Mund zu halten, schreit er desto lauter nach Subventionen. Die er auch noch die Stirn hat, euphemistisch „Fördermittel“ zu nennen.

Subventionen streichen andere ebenfalls ein; Bauers-, Berg- und Bühnenleute etwa. Man hört sie jedoch nicht unablässig lamentieren, es seien nicht genug. Besonders einsichtsvoll sind die An-gehörigen Nährstandes. Bietet man ihnen Geld, damit sie dieses und jenes nicht mehr erzeugen, lassen sie ihre arbeitsamen Hände sogleich ruhen. Müssen Früchte ihres Fleißes gedeihlichem Wirtschaften zuliebe entsorgt werden, nicken sie tapfer. Die Angewohnheit, gelegentlich ein paar Traktoren querzustellen oder vor die Tür des zuständigen Ministeriums eine Fuhre Mist zu kippen, verzeiht man ihnen dafür gern.

Unserem TA, man ahnt es, ist solche Bescheidenheit fremd. Geld hat er, zugegeben, nicht zu erhoffen, wenn er seine Produktion einstellt, doch könnte er der Allgemeinheit diesen Dienst ja auch gebührenfrei leisten. Oder, falls das zu viel verlangt ist, seine Liebhaberei wenigstens durch ehrliche Arbeit finanzieren. Vorbilder gibt es. Der namhafte Übersetzer Martin Luther beispielsweise empfand die Annahme eines Honorars als Entweihung einer Gottesgabe: umsonst habe man das Talent empfangen, umsonst solle man daran teilhaben lassen. TA hingegen stellt seine absatzgefährdete Ware nicht nur weiter her, er will dafür auch noch am Leben erhalten werden.

„...viel Büchermachens ist kein Ende“, klagte der biblische Prediger vor mehr als 2000 Jahren; genutzt hat es bekanntlich nichts. Die Konsequenzen bekommen zunehmend auch Unschuldige zu spüren: und sei es nur, indem sie sich an der Wühlkiste einer Buchhandlung den Hüftknochen wundstoßen. Den Gemeinen TA kümmert das nicht. Gleichgültig gegenüber den Leiden seiner Umgebung, produziert er unbeirrbar weiter. Ist das nicht – ich frage ja bloß – ein Skandal?

Wolfgang David

 

 

 

“Carmina mortae carent”

«Poematli nu cunoscu moartea!»
Mashi a meali trâ moarti
S-amintarâ!
Limba tu cari li-aspunu
Anarga-anarga
Câtâ ascâpitata-agârsheari
S-dutsi!

Hiu, poati, singura
Poetâ tu lumi cari
Moarti poemati amintâ!
Tsi, poati, tu cârtsâ
Va s-doarmâ
Câ nu va s-yinâ vâr’
S-li dishteaptâ!

«Poematli nu cunoscu moartea!»
Dzâtsea aushilji latinji…
Ama nu-i daima ashi!
Poematli-a meali tu carti
Vulusiti,
Nialeapti, agârshiti,
Semnu-ahânda
Di unâ limbâ tsi di multu eara!

 

"Carmina mortae carent"

"Gedichte kennen keinen Tod!"
Nur meine werden geboren,
Um zu sterben!
Die Sprache, in der ich sie schreibe,
Geht langsam, langsam
Dem untergehenden
Vergessen zu.
Ich bin, vielleicht, die einzige
Dichterin der Welt, die
Tote Gedichte gebärt,
Die, vielleicht, in Büchern
Schlafen werden,
Denn niemand wird kommen,
Und sie aufwecken!

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"Gedichte kennen keinen Tod!"
Sagten die lateinischen Vorfahren ...
Aber es ist nicht immer so!
Meine Gedichte sind in Büchern
Eingesperrt,
Ungelesen, vergessen,
Werden sie Zeichen bleiben
Für eine Sprache, die verschwindet?

((Aus dem Aromunischen nach einer rumänischen Interlinearübersetzung von Horst Samson)

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