Herzlich willkommen beim Exil-P.E.N. im Internet!

Im Exil-P.E.N., Sektion deutschsprachiger Länder, sind vorwiegend Autoren, die aus politischen Gründen ihre Heimat verließen oder gar verlassen mussten, verbunden.
Schriftsteller, die im Exil leben, schauen auf einen weiten Horizont. Ihr Blick richtet sich oft über Grenzen hinaus und in die Details anderer Gesellschafts- und Lebensformen hinein. Das kann für eine Gesellschaft, die sich dafür öffnet, von Nutzen sein – nicht im Sinne von Besserwisserei, sondern zur Erweiterung von Erfahrung. Und wie könnte diese lustvoller geschehen als durch Literatur?
Wir laden Sie ein, hier die Autoren des Exil-P.E.N. kennenzulernen – sowohl durch eine sich aufbauende Sammlung ihrer Texte, als auch durch Stellungnahmen zum (literarischen) Zeitgeschehen.

Ursula Teicher-Maier

Nachruf auf unser Mitglied František Šedivý

Die Nachricht vom Ableben unseres langjährigen Mitglieds im Internationalen Exil-PEN-Club erreichte mich im Laufe der Woche. Am 23. Februar 2021 ist František Šedivy in Zadní Třebaň unweit von Prag, im Alter von 93 Jahren gestorben, eine außerordentliche Persönlichkeit, die in schreckensgleichen Zeiträumen beispielhafte couragierte Aktivitäten gegenüber zwei Diktaturen entwickelt hat. Nach der Besetzung der Tschechoslowakei durch die Hitler-Wehrmacht leistete er in den frühen 1940er Jahren aktiv Widerstand gegen den Terror der deutschen Besatzungsmacht. Nach dem Ende der Nazi-Herrschaft engagierte er sich seit 1945 im Untergrundkampf gegen das kommunistische Regime in der Tschechoslowakei, 1952 wurde er wegen angeblichen Hochverrats und Spionage zu 14 Jahren Freiheitsentzug verurteilt bis er 1964 auf Bewährung entlassen wurde. Er leistete seine Haftstrafe unter brutalen Bedingungen im Uran-Bergbau im westböhmischen Jáchymov und in der Nähe von Příbram ab. Nach seiner Entlassung arbeitete er als Schweißer in einem Prager Baubetrieb. Erst nach dem politischen Umbruch im Dezember 1989 konnte er sich wieder politisch und literarisch betätigen. Er engagierte sich in der Konföderation politischer Häftlinge, deren Vizepräsident er seit 2009 war und publizierte eine Reihe von Büchern zu politischen Themen, darunter auch seine schrecklichen existentiellen Erfahrungen im Uran-Bergbau. In dem auch auf deutsch erschienenen Werk „Uran für die Sowjetunion“ (vgl. Leipzig, Evangelisches Verlagsanstalt, 2015, mit der diesem Nachruf beigefügten Besprechung) schildert er in der Figur des Pavel seinen Überlebenskampf.

František Šedivý, der eine Reihe von Ehrungen, darunter auch aus den Händen des Präsidenten Václav Havel erhielt, habe ich persönlich auf den Tagungen des Exil-PEN kennenlernen dürfen. Ich habe ihn als bescheidenen und zugleich engagierten Bürger der neuen tschechischen Republik erlebt und bewundert.

Mit dem Ableben von František Šedivý verbindet vor allem die ältere Generation in unserer Exil-PEN-Vereinigung schmerzliche, alarmierende Erinnerungen an Diktaturen, aber auch den Weckruf, sich im Kampf gegen den unbelehrbaren rechtsradikalen Mob zu engagieren, länderübergreifend im Rahmen der Europäischen Union notwendige Aufklärung über die Folgen eines blindwütigen Nationalismus zu leisten. František ist uns nicht zuletzt aufgrund seines aufopferungsvollen Widerstands gegen zwei Diktaturen ein überzeugendes Beispiel für demokratisches Engagement geworden. Wir werden ihn in die Ehrentafel unseres international tätigen Vereins aufnehmen, gemeinsam mit unseren tschechischen Exil-Mitgliedern sein vorbildliches Lebenswerk und seine literarischen und publizistischen Werke in Erinnerung bewahren.

Prof. Dr. Wolfgang Schlott, Präsident des Exil-PEN deutschsprachiger Länder,
27. Februar 2021

Prof. Dr. Wolfgang Schlott
Präsident des Exil-PEN deutschsprachiger Länder im International P.E.N
Wollwirkergasse 25
93047 Regensburg

Herrn
Michael Hurshell
Hasenberg 1
01 067 Dresden

Sehr geehrter Herr Hurshell,

mit Scham und Empörung habe ich von den amtlichen Anweisungen der Dresdner Behörden aus Anlass des Gedenktages an die Nazi-Pogrome vom 9. November 1938 erfahren. Es ist für mich ein unerträglicher Tatbestand, dass eine demokratisch gewählte Stadtverwaltung einerseits zum Schutz Dresdner Bürgerinnen und Bürger aus hygienischen Erwägungen die Veranstaltung in mahnender Erinnerung an den Pogromterror der Nazis ins Internet "verlagert", andererseits den rechtsextremen Wirrköpfen der Pegida die Erlaubnis erteilt, sich zu ihrer Montagsdemo in der Dresdner Innenstadt zu treffen.
Ich bedaure es sehr, dass ich erst gestern von dieser empörenden bürokratischen Regelung erfahren habe. Aus diesem Grund möchte ich Ihnen im Namen unseres Präsidiums und der Mitglieder unseres Exil-PEN unsere moralische Unterstützung in Ihrem Protest gegen die Entscheidung der städtischen Behörden kund tun. Eingedenk der anwachsenden antisemitischen Hetze und der gezielten mörderischen Aktionen gegen Mitglieder der jüdischen Gemeinden gilt es umso mehr, nicht nur wachsam zu sein, sondern den rechtsextremistischen Kräften jeglichen Widerstand zu leisten, auch und vor allem von Seiten der staatlichen Institutionen wie auch der kommunalen Verwaltungen.
Der Exil-PEN deutschsprachiger Länder hat vor allem in den vergangenen zehn Jahren in zahlreichen Protestresolutionen auf diese bedrohliche Entwicklung aufmerksam gemacht. Er schließt sich den Protesten gegen die bürokratischen Regelungen Dresdner Behörden aus Anlass des Pogrom-Gedenktages am 9. November an.

Mit solidarischen Grüßen und Chalom

Prof. Dr. Wolfgang Schlott (im Namen der Mitglieder unseres Exil-PEN)

Regensburg, Ulm, Berlin, Dresden am 11. November 2020

 

Prof. Dr. Wolfgang Schlott
Präsident
 

Ministerium für Kinder, Familien, Flüchtlinge und Integration
des Landes NRW
Geschäftsstelle der Härtefallkommission
Haroldstraße 4
40 213 Düsseldorf

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Petition für die iranischen Bürger/innen Ahmad Ghorbani und Hananeh Rahmani – Ablehnung ihres Asylantrags – Bescheid des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge vom 14.08.2020, AZ: 8136055-439

Sehr geehrte Damen und Herren,

am 19.08.2020 wandte sich Herr Ahmad Ghorbani an den Exil-P.E.N. deutschsprachiger Länder mit der Bitte, ihm und seiner Ehefrau Hananeh Rahmani nach der erneuten Ablehnung ihres Asylantrags zu helfen. Dieser Bitte komme ich nach Empfehlung des Rechtsanwalts Dr. John Spiekermann (Duisburg) und nach Durchsicht der zahlreichen Kopien von Dokumenten, die mir Herr Ghorbani zugeschickt hat, unbedingt nach. Hierbei handele ich auch auf Aufforderung der Mitglieder der international tätigen Exil-P.E.N.-Vereinigung, in dieser Angelegenheit einen scharfen Protest gegen den Bescheid des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge einzulegen.

Nach Durchsicht der zahlreichen Dokumente, die mir Herr Ghorbani zugeschickt hat, komme ich zu folgender Einschätzung: Der Schriftsteller, Songwriter und Dramatiker Ghorbani und dessen Ehefrau sollen laut Bescheid des Bundesamts f. Migration und Flüchtlinge innerhalb von zwei Wochen die BR Deutschland verlassen und in den Iran zurückkehren. Diese Entscheidung stellt meiner Ansicht nach eine nicht verantwortbare Gefährdung für deren leibliche Existenzdar, der sie nach ihrer Rückkehr in den Polizeistaat Iran ausgesetzt wären. Diese Einschätzung fußt auf der Tatsache, dass Herr Ghorbani nachweislich in Form von öffentlichen Kommentaren in diversen sozialen Medien gegen willkürliche Handlungen des Mullah-Regimes protestierte.

 

Herr Ghorbani nimmt auf diese Weise als mündiger Bürger das Recht wahr, gegen unrechtmäßige Entscheidungen von Behörden in seinem Geburtsland zu protestieren. Außerdem haben sich Herr Ghorbani und seine Ehefrau Hahnani Rahmani an ihrem Aufenthaltsort Wesel redlich um eine Integration bemüht. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist es aus unserer Sicht unverständlich, weshalb es zu einer erneuten Ablehnung ihres Asylantrages gekommen ist.

In unserer Petition, die von mehr als sechzig Mitgliedern unserer Exil-Vereinigung unterstützt wird, fordern wir eine Überprüfung der Entscheidung des Bundesamts. Aus unserer Sicht ist es fahrlässig und nicht vertretbar, wenn demokratisch eingestellte Bürger/innen, die unter Gefahr für Leib und Seele aus dem Iran geflohen sind, in ihr Heimatland zurückgeschickt werden, obwohl ihnen dort eine willkürliche strafrechtliche Verfolgung droht.

Wir bitten mit allergrößtem Nachdruck und im Namen von mehr als fünf Dutzend Schriftsteller/innen, die selbst traumatische Erfahrungen mit den diktatorischen Regimen während des Kalten Krieges in Ost- und Südosteuropa durchleiden mussten, um eine wohlwollende Prüfung und Anwendung der Härtefallregelung für das Ehepaar Ahmad Ghorbani und Hananeh Rahmani.

Für diese wohlwollende Prüfung und Unterstützung in dieser Angelegenheit danke wir vorab.

Mit freundlichen Grüßen

 

Wolfgang Schlott

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