So werden die Arbeiten unserer Mitglieder rezensiert:

Ich bin viele. Frauenstimmen aus Georgien. Gedichte. Herausgegeben von Manana Tandaschwili und Irma Schiolaschwili. Aus dem Georgischen übersetzt von Irma Schiolaschwili. Nachgedichtet von Sabine Schiffner. Ludwigsburg (Pop Verlag) 2018. 102 S., 16,50 €. ISBN 978-3-386356-230-4. (Kaukasische Bibliothek, Bd. 24. Georgien).

Dreißig Gedichte aus der Feder von zwölf georgischen Lyrikerinnen, herausgegeben und aus der Originalsprache übertragen von zwei in der Bundesrepublik lebenden georgischen Literaturwissenschaftlerinnen, nachgedichtet von einer aus Bremen stammenden Dichterin und Übersetzerin. Es ist ein gemeinsames georgisch-deutsches Projekt, eine Buchpublikation, die schon beim ersten Blick auf die fotografischen Porträts und die zweisprachigen Namensnennungen auf der Vorder- und Rückseite des Paperback-Umschlags überzeugt. Diese Dichterinnen, schreibt dort Sabine Schiffner, greifen das Genderthema deshalb so oft und intensiv auf, „weil in ihrem Land noch viel weniger als hierzulande eine Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau herrscht.“
Und in diese Wertung eingeweiht wirft der Rezensent zunächst einen vergleichenden Blick auf die Bio-Bibliographien der Autorinnen, die zwischen Mitte Dreißig und sechzig Jahre alt sind, und fast alle eine ansehnliche Liste an in- und ausländischen Publikationen aufweisen, eine Reihe von Literaturpreisen erhalten haben, als Herausgeberinnen von Kulturzeitschriften, Filmkritikerinnen oder Redakteurinnen bei Rundfunk und Fernsehen arbeiten. Aufgrund dieser Informationen und des überwiegend akademischen Hintergrunds der von den beiden Herausgeberinnen ausgewählten Autorinnen ist anzunehmen, dass in diesem Gedichtband sich die renommierte weibliche Elite der Republik Georgien artikuliert, eine Auswahl, die ihre Objektivität auch dadurch gewonnen hat, weil ihre beiden georgischen Herausgeberinnen seit längerer Zeit in Deutschland leben.
Wer sich einen raschen Überblick über die poetischen Verfahren, die Thematik der Gedichte und deren soziale Relevanz verschaffen will, der könnte sich in das Nachwort von Sabine Schiffner vertiefen. Doch wer einen poetisch relevanten Einblick in die Gedichte gewinnen will, der sollte die einfühlsam nachgedichteten Texte laut lesen, von den ironischen und sarkastisch-bitteren Versen aus der Feder von Nana Kobidze bis zu den phantasiegeladenen, psychologisch fundierten Gedichten von Lela Zuzkiridze. Er wird gleichsam gebannt sein, hingerissen von der Mischung aus Lebensklugheit, Phantasiegeladenheit, Ironie, Fähigkeiten zur Metamorphose, Flexibilität, poetologischer Raffinesse, Gender betonter Positionen und mancher anderer Eigenschaften. Geben wir einige Beispiele, um diesen poetischen Cocktail zu genießen. Bei Nana Akobidze („Haare und das Ertragen der Liebe“ heißt es: „Wenn in mir die Liebe auflodert, / schneide ich meine Haare ab / und bete vor dem Spiegel das Gebet meiner Oma: / ‚Du Liebe, die heiß in mir brennt, /trenne dich von dieser Nana / und vereine dich mit einer anderen Nana!“’ (S. 9). Bei Kato Dschawachischwili lesen wir in „Wir haben etwas mitzuteilen“: „Wir sind als Mädchen geboren./ Das wollten wir nicht, aber wir waren auch nicht dagegen, / weil wir keine Ahnung hatten. /Wir tragen die nackte Freiheit der Weibchen,/ unser Leben haben wir als Vorschuß gegeben / für unsere Männer …“ (S. 13). Das in solchen Versen angedeutete machohafte, tumbe Verhalten von Männern verstärkt sich in den folgenden Texten. Eka Kevanischwili, Journalistin bei Radio Free Europe in Tiflis, spricht es in „Der letzte Kreis“ unverhohlen aus: „ Mein Mann kommt vom Dorf, seine Worte schaukeln vor Dialekt – „ was er weiß und was er gehört hat, /was er bis jetzt im Kopf behalten hat: Mein Leben, meine Frau, mein Mädchen. / Seine Hände sind breit und nach Erde riechend, / sein Gehirn ist leer und leicht.“ (S. 37). Wie die meisten der aus Tiflis stammenden Autorinnen hat auch Nino Sadghobelaschwili (Jg. 1980) mehrere berufliche Qualifikationen erworben. In ihrem Poem „Felsen“, einer metaphernreichen Verquickung von Natur, Mensch als Inbegriff der weiblichen Gestaltungskraft und schwesterlichen Symbiose, gelingt ihr eine tiefgreifende Evolution familiärer Beziehungen. Die aus Gori stammende Nena Samniaschwili, Doktorin der Pädagogik, entwirft in ihrem witzigen Gedicht „DichterIN“ ein Froschweibchen in der Verkörperung einer Krone tragenden Märchenfigur. Sie verwandelt sich allerdings nicht in den (erwarteten) Prinzen, sondern in einen Frosch „egal ob weiblich oder männlich/ ein Frosch braucht eine starke Stimme, damit er das Quaken der anderen übertönt, / damit er den süßen Sumpf lautstark lobt…“. (S. 61). Und welche Rolle spielen Kinder in der weiblichen Imagination? Die erfolgreiche Kinderbuchautorin und Lyrikerin Mariam Ziklauri spricht in ihrem Gedicht „Was sollen wir unseren Kindern sagen?“ davon, „dass wir im Himmel Gott nicht fanden / Und auf der Erde kein Zuhause.“ Und unter Verweis auf den bitteren Krieg gegen Russland (2008), der vergeblichen Suche nach Liebe, empfiehlt sie den Müttern Georgiens “Gebäret selber Gott, / der so groß sein wird wie ihr / und euch Erschöpften besser zur Seit stehen wird.“ (S. 86).
Es ist eine Fülle von poetisch aufgeladenen Reflexionen, die in dieser Anthologie versammelt sind. Sie reichen von fundierter Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen in Georgien, ironisch und sarkastisch verdichteten Aussagen über das machohafte Verhalten der georgischen Männer, die ihre russisch und kaukasisch erworbene Herrschsucht nicht ablegen wollen, bis zu den intellektuell verdichteten Klagen über das offensichtliche Missverhältnis zwischen Frauen und Männern. Es ist eine geballte Ladung also an offener Empörung, spitzfindigem Witz und subtiler Betrachtung einer Kluft, die sich nach langjähriger Unterdrückung von freier Meinungsäußerung in aller Deutlichkeit zeigt. Ob diese Offenbarungen allerdings zu notwendigen Korrekturen an den mißlichen Zuständen beitragen werden, hängt nicht nur von dem Erfolg der weiblicher Emanzipationsbestrebungen in ganz Europa und weltweit ab. Seine wirksame Umsetzung dient zweifellos auch dem Überleben der Menschheit. Der vorliegende Gedichtband mit den sehr gelungenen Nachdichtungen von Sabine Schaffner kann sicherlich einer solch kühnen Zielstellung bestimmte Impulse geben, wenn gleich sie aus einer kleinen, aufstrebenden Republik am Südrand des Kaukasus kommen!

Wolfgang Schlott

Ursula Jetter, geb. Dilger: überleben: zu Aufzeichnungen aus einem sibirischen Gefangenenlager von Hans Dilger. Info Verlag GmbH (2018). Lindemanns Bibliothek, Bd. 319. ISBN 978-3-96308-016-6

Die Aufzeichnungen von Hans Dilger aus einem sibirischen Gefangenenlager, herausgegeben von Thomas Lindemann in Lindemanns Bibliothek, von seiner Tochter Ursula Jetter, geb. Dilger, mit einer kommentierenden Einleitung versehen, erweisen sich in mehrerer Hinsicht als ein ungewöhnlich bewegendes Dokument. Die fünfzehn Seiten umfassende Einleitung unter der Überschrift „Überleben“ enthält eine einfühlsame Beschreibung der Umstände, unter denen die rund vierzig Texte, handschriftlich mithilfe eines Federhalters und violettfarbiger Tinte, auf dunkelbraunes Packpapier aufgetragen, in die Hände von Ursula Jetter gelangt sind. Hans Dilger (1906-1984), verheiratet mit Gudrun Dilger, geb. Olson, Überlebender der Schlacht um Stalingrad, geriet in sowjetische Gefangenschaft. Aus sibirischen Kriegsgefangenenlagern, in denen er mehr als zehn Jahre verbrachte, kehrte er mit dem letzten Rücktransport deutscher Soldaten 1955 in die Bundesrepublik Deutschland zurück. In seinem Gepäck befanden sich, geschickt versteckt in seinem kärglichen Hab und Gut, Packpapierfetzen mit sorgfältig in Druckbuchstaben aufgetragenen Gedichten deutscher Poeten, Briefe biblischer Apostel, Minnelieder aus dem Born der deutschsprachigen Literatur, aber auch überraschenderweise ein übersetztes Gedicht des renommierten russischen Schriftstellers Konstantin Michajlowitsch Simonow (1915-1979). Das von Ursula Jetter in ihrer Einleitung zitierte Gedicht habe die Gefangenen, „wie man aus Briefen weiß“, am eindringlichsten bewegt. Simonows Gedicht, „eine flehende Bitte an die eigene Frau und Geliebte“ (S. 16), das Hans Dilger auf einen Packpapierfetzen in Druckschrift aufgeschrieben hatte und im Klartext in Ursula Jetters Einleitung nachzulesen ist, hätte sicherlich den Anlass für einen ergänzenden Kommentar geben können, um die mörderische Sinnlosigkeit von Kriegen und die Verurteilung ihrer Urheber deutlich hervorzuheben. Mehr noch, das Leiden beider Völker an der Massenvernichtung an den Fronten und in den anschließenden Gefangenenlagern zum Anlass für eine gemeinsame Ausgabe von Texten in deutscher und russischer Sprache zu nehmen. In diesem Falle würde ein solches, mit ähnlichen Materialien hergestelltes Büchlein nicht nur nach „Lederstiefeln, Schweiß, Fusel“ sondern auch nach Machorka und Filzstiefeln riechen. Und, es würde das „unbeirrbare Festhalten an den der Sprache innewohnenden … Kräften“ (S. 18) mit einer gemeinsamen sprachlichen Energie versehen werden, der Sprache von Rainer Maria Rilke, Johann Wolfgang von Goethe oder Gerhard Hauptmann wie auch von Alexander Puschkin, Konstantin Simonow oder Aleksander Solschenyzin.
Eine solche Publikation mit deutsch- und russischsprachigen Texten könnte durchaus eine therapeutische Funktion bei der Verhinderung von zukünftigen Kriegen spielen. Im Gedächtnis aber der den Zweiten Weltkrieg Überlebenden sollten diese flehenden Bekenntnisse halb verhungerter Gefangener auch für die nachfolgenden Generationen aufbewahrt bleiben. Sie wurden von einem Mitgefangenen aus dem Gedächtnis aufgezeichnet, mit List und Sorgfalt aufbewahrt und in manchen Abendstunden auf elenden Pritschen irgendwo in sibirischen Arbeitslagern vorgelesen. Dass sie der Nachwelt erhalten geblieben sind, dank der mitfühlenden Sorgfalt der Schriftstellerin und langjährigen Herausgeberin der Literaturzeitschrift „exempla“, Ursula Jetter, erweist sich als kleines Wunder. Auf jeden Fall gehört das sorgfältig gedruckte Büchlein zu den meist übersehenen Kostbarkeiten auf dem schier unüberschaubar gewordenen Büchermarkt.

Wolfgang Schlott, im Februar 2019

25. Juni 2017

Hellmut Seilers Gedichte und Aphorismen

Hellmut Seilers Lyrik und Aphoristik leben gleichermaßen aus der Freude am Bild wie aus der „glasklaren“ Pointe. Wird das Doppelbödige seiner Gedichte und das Eindeutige seiner Lebensweisheiten hinzugezählt, geben sich deren Struktur und Architektur als unverkennbare Handschrift zu erkennen. Der Band „Dieser trotzigen Ruhe Weg“ des 1953 in Reps, Siebenbürgen, geborenen, seit 1988 in Deutschland lebenden Philologen (er studierte Germanistik und Anglistik in Hermannstadt) belegt die Feststellung. Gert Fabritius, der 1940 in Bukarest geborene, seit 1977 in Deutschland ansässige Grafiker und Maler, steuerte dem rund 100 Gedichte und Aphorismen umfassenden Band fünf Farbgrafiken bei.
Die Anmerkung zur „kecken Nasenspitze über/ erstem Bartflaum“, mit der das Gedicht „Versuch einer Annäherung“ bildhaft anschaulich beginnt, mündet in der vierten – letzten – Strophe in die conclusio ein: „Und doch hängt mein Leben/ an dir, wie an einem seidenen Faden,/ mein Sohn.“ Der Weg vom Bild zur Pointe ist zurückgelegt. Seilers Neigung zur knappen Formulierung und präzisen Schlussmitteilung führt ihn zwangsläufig auch zur aphoristischen Sentenz. Zum Beispiel: „Die einzig sinnvollen Gipfelgespräche/ finden unter Bergsteigern statt.“ Oder: „Der Ersatz der Willkür/ durch den Irrtum.“ Oder: „Früh übt sich/ was ein Mundwerk werden will.“ Die drei Zweiteiler meinen, so Seilers Vermerk, „unsere MdBs“. Die Treffer, die er solcherart landet – besonders wenn es um Politiker geht –, sind in ihrer blitzschlagartigen Zielsicherheit meisterhafte Kleinkunstwerke: „Das Calwer Rathaus musste kürzlich/ vollständig geräumt werden. Die Balken bogen sich.“ Natürlich ist Calw beliebig austauschbar.

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So respektlos diese und andere Aphorismen daherkommen, so zuverlässig vermeiden sie den Schlag unter die Gürtellinie, wie das Grobschlächtige allgemein nicht zu Seilers Mitteilungsvokabular gehört, wenn er sich auch gelegentlicher Deftigkeit bedient. Köstlich auch der folgende Fünfzeiler: „Früher haben die Jungs/ ihre Chance bei den Mädels/ gewittert./ Heutzutage/ twittern sie sie.“

Diese bis ins Letzte beherrschte sprachliche Bündelung findet sich auch in den Gedichten der Gruppen „Im kahlen Garten“, „Traumbrecher“, „Zur Kenntlichkeit verzerrt“, „Aus der intimen Tiefe der Zeit“. Ebenso gekonnt wie die Aphorismen der Gruppe „Gnomen und Gedankensplitter“ meistert Seiler die umfangreicheren Gedichttexte von der ersten bis zur letzten Zeile. Ob er sich im zehnstrophigen Vierzeiler „Sehr geehrte Fluggäste“ mit eleganter, immer wieder auch clownesker Sprachgeste in der Anrede „Hier spricht Ihr Kapitän. Stellen Sie/ jetzt bitte den Fluss der Gedanken ein/ und üben Sie sich im aufrechten Sitz“ an die Passagiere wendet und diese durchgehend in jeder Verszeile einfallsreich mit unerwarteten Wendungen unterrichtet, oder im Reimgedicht „Der Herbst, zerlegt“ eingangs notiert: „Über Nacht kamen sie, dunkle Gestalten,/ deren helle Rufe in den Tälern widerhallten,/ sie haben den Herbst umstellt und aufgespürt,/ in seine Einzelfarben zerlegt und demontiert …“ – jedesmal sind es die intellektuelle Luzidität im Ausbreiten des Themas und der überraschende wie bereichernde Wechsel der Wahrnehmung, zudem Ironie und Selbstironie, die bestechen.

Die Hauptmerkmale der lyrischen und der aphoristischen Sprache Hellmut Seilers äußern sich meines Erachtens in der Fähigkeit zur Synthese von tradierter und moderner Ausdrucksweise. Sie überzeugt, da sie nicht – wie bei so manchem dichtenden Zeitgenossen – an den Haaren herbeigezogene Nachahmung ist, sondern die unverwechselbar persönliche Schreibart eines Könners im Umgang mit Gedanke und Sprache, mit poetischem Impuls und Form. Wer sich auf sein Jonglierspiel mit Bild und Idee, Blickwechsel und Satzbau einlässt, dem wird die Lektüre dieses Bandes zum Vergnügen.

Gert Fabritius’ Grafiken („Mutterland Wort“, „Dans la rue je t’aime, fini?“, „Was groß ist, bleibt groß nicht!“, „Versuch ‚Das Zurechtkommen mit dem Weltgeschehen‘“, „Vanitas“) sind Demonstrationen grafischen Vermögens, dessen Wurzeln im Existentialismus und in der Dynamik des Ausdruckswillens liegen; die Arbeiten entstanden während der letzten Jahre.

Hans Bergel

Hellmut Seiler: Dieser trotzigen Ruhe Weg. Gedichte und Aphorismen. 

„Hier spricht Ihr Kapitän. Stellen Sie//jetzt bitte den Fluss der Gedanken ein […] Wir heben gleich ab/und gehen in den nächsten paar Augenblicken//planmäßig in die Luft“. Mit diesem emblematischen Bild der Welt als gefährdetes Flugobjekt kehrt Hellmut Seiler bereits in den ersten Seiten seines neuen Gedichtbandes die bekannte Figuration der Welt als rettende Arche in ihr Gegenteil um und trifft dabei den Nerv der Zeit. Mit der Anrede an die „sehr geehrte(n) Fluggäste“ spricht der Dichter seinen virtuellen Leser unvermittelt an und umreißt seine thematischen Prioritäten: Es geht ihm um das Reden von der Schieflage der Welt und gegen den Alltagssprachentrott, für den die Syntax der Raison nicht mehr greift. Seine potischen Glossen weichen von der Normalität alltäglicher Sprechakte ab, denn der „Schattenriss“ des Dichters ist anders – und hier wird zur Illustration auf ein Stimmungsbild aus der persönlichen Sphäre zurückgegriffen: „Im Dunkeln tappt der Poet,/sagt mein Jüngster […]/Um dieser Wortfolge willen/liebe ich ihn./Er hat schließlich nicht gesagt:/Der Poet tappt im Dunkeln.“ 

Als Antwort auf die beschwerliche Sinnsuche sind diese Gedichte zu lesen, in denen die Erkenntnisse des Dichters bitter und gleichzeitig unheroisch daherkommen: „Es geht also weiter. Immer weiter./Die Wirklichkeit eine Stickleiter,/Zur Kenntlichkeit verzerrt.//Lerchen schlagen auf, ein Düsenflugzeug/stürzt auf die Erde; zieht eine Blut- und/Toilettenpapierspur hinter sich“ („Toilettenpapierstreifen, Vögel“). Zentrales Anliegen vieler Gedichte des Bandes ist nicht, verborgene Missstände zu entlarven, sondern dem Leser das Offensichtliche, das trotz Verzerrung Erkennbare, durch die Linse des poetischen Textes vergrößert vorzuführen.
Das dichte Reden ist des Dichters Handwerk, und bereits die ersten Gedichte Seilers, die noch in Rumänien unter Zensurbedingungen erschienen sind, zeichneten sich durch die Sparsamkeit der Formulierungen aus, den Reiz der Satzgliedumstellungen und die beachtliche Bandbreite der Mitteilung: „Im Mund kann mir/diesen Satz/niemand umdrehen“, lautet ein Gedicht aus dem Band „die einsamkeit der stühle“ (Klausenburg 1982), der, auch in dieser Gedichtsammlung aufgenommen, eine Brücke zur Vergangenheit schlägt. Die Erfahrungen mit der Zensur, der leise Tonfall angesichts der drohenden Text- und Sinnkürzungen, die Schärfung des Ausdrucks schlagen sich im vorliegenden Band in einer Reihe von Aphorismen nieder. Beim Lesen genießt man nicht nur die Gedankengänge dieses verschmitzten Poeten, gleichzeitig wird einem klar, wie sehr man im Alltag das wohldurchdachte, pointierte Sprechen vermisst und die unaufhörliche Belagerung durch den zügel- und hirnlosen Redeschwall überdrüssig hat. Hier einige Kostproben: „Gipfelgespräche 2: Die einzigen sinnvollen Gipfelgespräche/finden unter Bergsteigern statt“, „Demokratisch gewählte Maßgebliche: Der Ersatz der Willkür durch den Irrtum“, „Beim Zahnarzt: Die Freiheit/den Mund aufzumachen,/kann ich nur verwirklichen,//wenn ich keine Angst habe.“
Zur Erfahrungsstruktur von Hellmut Seilers Gedichten gehören Migration und Grenzüberschreitung. Der Lebensweg über politische Grenzen hinweg veränderte sowohl den Sprecher als auch die Bedeutung der Gegenstände, die ihn umgaben, so wie im „Undinggedicht“ über die Schreibmachine. Diese verlor im Westen ihren Gebrauchswert, nachdem sie im totalitären Land als Sinnbild des überwachten Lebens, der Verknappung und gleichzeitig Aufwertung der poetischen Aussage fungierte. Seiler, 1988 aus Rumänien in die Bundesrepublik Deutschland ausgewandert, verwebt augenzwinkernd das in der osteuropäischen Diktatur und dem freiheitlichen Westen Erlebte, prüft es auf Gemeinsamkeit und Differenz und legitimiert sich als politisch denkender Dichter auch durch die sich überlappenden Wirklichkeitsfolien, die seiner Wahrnehmung immanent sind. Das ist die Substanz, aus der sich die Sprechinstanz dieser Gedichte konstituiert, ein leiser und beharrlicher Widerständler, jemand, der sich auf seinem Sprachweg nicht aus der Ruhe bringen lässt und der diskursiven Übermacht – ob in der kommunistischen Diktatur oder in der Wortflut der Demokratie – trotzt. Ob „Dieser trotzigen Ruhe Weg“ so zu lesen ist? Die unverhohlene Anklage aus dem Zyklus „22 Steinchen. Gedichte aus Guantanamo“ ist auch vor diesem Hintergrund zu verstehen, aber auch die Auseinandersetzung mit der „geretteten Heimatzunge“ („Fleischkloß, der sich nach jeder Silbe wegduckt/Heimat, ach! die sich an sich selbst verschluckt“) sowie das Unbehagen, der Außenwelt ausgeliefert zu sein: „Wie aber fort? Wenn der Schlüssel vernehmlich/sich was in den Bart gurgelt und mich umdreht?/Als ich beschließe, den Sessel nicht auf mir sitzen/zu lassen, und das Sofa plötzlich nach mir schnappt,//bringt der Wandspiegel mich in seinem toten/Winkel zum Verschwinden.“ („Rache der Einrichtung“).
Der Blick ist rückwärts gerichtet auf poetisch verdichtete Kindheits- und Familiengeschichten („Verstehen lässt sich das Leben nur rückwärts gelesen; leben aber muss man es vorwärts“, „Mein Großvater und ich“) oder sondiert gegenwärtige Lebenslagen. Nach der digitalen Wende und der Verabschiedung der von Geheimdiensten nicht weiter beachteten Schreibmaschine führt der Dichter einen lästigen, aber unspektakulären Kampf mit den Tücken des Computertextes: „Neulich, beim Briefschreiben fiel mit eine Zeile in die Tastatur. Die Maus/verweigerte mir die Gefolgschaft […] Kurz bevor die Zeile forsch fortgeschwirrt wäre, packte ich sie/an der Wurzel und gab ihr den Rest.“ Oder er beobachtet das Werk von „dunklen Gestalten“, die den Herbst (Jahres oder Lebenszeit?) „umstellt und aufgespürt,/in seine Einzelfarben zerlegt und demoniert“ haben: „Wer aber sind diese fremden Gesellen?/Wollen sie uns die bunteste Zeit vergällen?/Professionelle Packer? Spezialspediteure?/Jahreszeitenhändler? Kriegsprofiteure?Ausländische Agenten? Geheimdemonteure?“ („Der Herbst, zerlegt“).
Einen Anspruch auf exhaustive Darstellung der Themenvielfalt in Hellmut Seilers Gedichtband können diese selektiven Betrachtungen nicht erheben. Nicht zuletzt die Liebesgedichte, Reiseeindrücke, die zahlreichen aus dem Alltag herausgelösten und umgedeuteten Szenen runden das dichterische Profil dieses Autors ab. Sie alle, zudem begleitet und bereichert von im Band verstreuten Zeichnungen von Gert Fabritius, sollen dem Genuss und Urteil der Lyrikliebhaber überlassen werden.

Dr. Olivia Spiridon

Hellmut Seiler: Dieser trotzigen Ruhe Weg. Gedichte und Aphorismen. Mit farbigen Tagebuchaufzeichnungen von Gert Fabritius. Verlag Books on Demand, Norderstedt, 2017, Rote Reihe Lyrik, Band 5, innerhalb der Edition Bärenklau, herausgegeben und redaktionell betreut von Rolf Stolz, 145 Seiten, 10,00 Euro, ISBN 978-3-74317-274-6

Hellmut Seiler – An Verse geheftet

Der 2007 im Ludwigsburger Pop-Verlag erschienene Lyrikband An Verse geheftet. 77 Gedichte und Intermezzi samt einem Epilog von Hellmut Seiler ist eine dem Autor eigene geistreich-spielerische, witzig-tiefgründige Auseinandersetzung mit Themenkomplexen wie Sprache, Gesellschaft, Reisen, Politik. Der 103 Seiten starke Lyrikband ist in vier Kapitel eingeteilt: Rache der Einrichtung, Grenzengenuss, Oppenheimers Ratten und Krümmungen. Die Kapitelüberschriften finden sich in einem Gedichttitel des jeweiligen Kapitels wieder, was ich als eine Art quod erat demonstrandum seiner Thesen und Geistesblitze als Weltdeuter und Weltverbesserer bezeichnen würde. Es folgen auf Seite 100 Kritikerstimmen und anschließend der Inhalt des Bandes.
Schon der Titel regt zum Nachdenken an: Wer oder was ist an Verse geheftet? Was heften diese Verse? Worauf lassen die Verse den Blick des Dichters heften? Am Ende der Lektüre hat man mögliche Antworten auf diese Fragen. Im Sinne Seilers kann man wortspielerisch von „heften“ auf „haften“ kommen, wobei man sich dann die Frage stellen könnte: Was bleibt nach der Lektüre im Gedächtnis haften?
Ausschlaggebend ist in diesem Kontext die Tatsache, dass Seiler einer multikulturellen Gegend entstammt, Germanistik und Anglistik studierte und somit des Deutschen, Rumänischen, Ungarischen sowie Englischen mächtig ist. Alle seine Ideen und Intuitionen versteht er, in einfallsreiche Wortketten und Assoziationen, unterstützt von originellen mehrdeutigen Metaphern, zu artikulieren. Viele Gedichte erinnern an Seilers Biographie. Der 1953 in Reps/Rupea, im rumänischen Siebenbürgen geborene Dichter, der heute in Remseck als Schriftsteller und Gymnasiallehrer lebt und wirkt, verarbeitet stets seine Erlebnisse mit der/den Diktatur/en sowie die Erfahrungen nach dem 1985 gestellten Ausreiseantrag aus Rumänien, als er vom Lehrdienst suspendiert, überwacht und verhört wurde und bis zu seiner 1988 erfolgten Übersiedlung in die BRD Publikations- und Auftrittsverbot erhielt. Daran erinnern Verse wie: „Als abends ich heimkehrte, sah mich mein Spion / ganz schief an. […] / Erinnerungen wach bei dem voll integrierten / Beantworter: er schleudert mir, kaum daß ich / mich ihm zuwende, unfeine Schimpftiraden / entgegen, als brüllte er mit seinem Trommelfell.“ (Rache der Einrichtung, S. 7). Oder das Gedicht Schatten, Kissen: „Verhörlampen, Richtschnüre / Richtmikrophone, Funkgeräte etc. / der geballte Charme der Überwachung.“ (S. 26)
Seiler spielt gern auch mit den Texten seiner Dichtervorläufer, Heines zum Beispiel (Ich weiß nicht, was soll, S. 46), und aktualisiert sie, indem er Anspielungen auf die heutige, vor allem politische Realität macht: „Das Geflimmer vom ‚elften September’ / Das will mir nicht aus dem Sinn.“ Er widmet seine Verse Dichtern wie Friedrich Nietzsche, Wladimir Majakowski, Dieter Schlesak, Ioan Flora. Auch wandelt er mit Absicht Sprichwörter um und erzielt dabei witzige Effekte: „Edel sei der Mensch, hilfreich und Amerikaner“ (Rudimenta mistica, S. 52), „friß, vögel oder stirb. Und werde. / Gleich im Anlaut mein Phall, ganz / der meine“ (S. 84). Hinzu kommen oft Alliterationen, die die komische Wirkung des Wortspiels noch mehr vertiefen: „Ziellos fügt Zeile sich an Zeile, / Vers versus Vers, / versiert versus versehrt, / Vers subversus con Vers adversus / auf dem Versfuß folgt / ein Perversfuß!“ (S. 85).

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Intertextualität kann somit als Quelle für Witz und Ironie dem „zungenleichtfertigen“ Dichter Seiler dienen, der keinen Alleskleber vor den Mund nimmt (S. 95). Wortspiele wie beispielsweise „deshalb machen wir / auch keine Angaben / ohne Gewehr“ (S. 52), „Eingeweide / sind etwas für Eingeweihte“ (S. 19), gestylt und steil oder aus der Tiefe trieft Dampf (S. 66), ein Star unter / den Staren (S. 33), Agnieta-Agnes-agnus (S. 11) u.v.a. verdeutlichen die unerschöpfliche Lust des Dichters am Modellieren, Fabulieren und Spielen mit der Sprache. Was man alles mit Hilfe von Worten aufbauen und zerstören, aufbauschen und verharmlosen kann, zeigt Seiler äußerst sprachbewusst in seinen Gedichten. Rhetorische Figuren der Wiederholung durch Koppelung klangähnlicher, etymologisch und semantisch unterschiedlicher Wörter sind oft anzutreffen. Er experimentiert ununterbrochen mit den brüchig gewordenen, morschen Worten, wie er selbst behauptet, mit Wortklängen und Wendungen der Archaismen sowie mit Anglizismen und sonstigen Modernismen, schöpft seine/neue Wörter und Idiome, wie in dem Falle von „verposematuckelten Flüssiginhalten“ (S. 8), Gletschercool (S. 40), kosmetologisch (S. 64), u.a. und setzt sich konsequent gegen jede sprachliche Verfestigung ein.
Ähnlich wie Oskar Pastior pflegt Seiler, rumänische oder anderssprachige Wörter und Wendungen seinen Gedichten geschickt einzuverleiben, ihnen dadurch eine besondere Musikalität aufzuprägen: „Die vollen Lippen der Vielbeschworenen, / te implor, draga mea! bleiben leer.“ (S. 53) Pastiors Manier ist für Seiler vorbildhaft auch in Gedichten wie INTERMEZZO I. Immigration ab anno 1141 (S. 35f.), das, wenn man Seilers ungebändigten Hang zum Wortschöpferischen nicht kennen würde, als Plagiat aufgefasst werden könnte.
Ironie als Stilmittel ist für Seiler die zweite Natur, nichts ist ihm heiliger als sein poetisches Ich (S. 92), sein Dichtbogen und sein kaustischer Drang (S. 85).
Nach der Lektüre des Bandes bleibt einem all das und viel mehr im Gedächtnis haften. Verben wie fusseln, frotzeln, wummern, ausbaldowern, buzzen, buserieren, blustern, blizzen usw. machen den Reiz der Seilerschen Poetik aus. An seine Verse heftet Seiler unter anderem auch den Aufruf: „Schwingt, ihr Dichter, also / den Dichtkolben! Biß! Er glüht, / der Weideplatz ist eröffnet.“ (Dichter Kolben, S. 85)
Gleichzeitig erkennen wir darin seine beliebten Motive wieder, wie Grenze: „Aber ich, wenn unser eins denkt an die Grenze, / hat er die Betontische vor Augen, und die / Erniedrigung vor denen. In Kniehöhe.“ (Grenzengenuß, S. 45) oder Erotik (Ständer, geträumt, S. 32) vor allem in den San-Gimignano-Gedichten, in die auch politisch konnotierte Reiseeindrücke einfließen.
Seilers größter Feind scheint das sprachliche Klischee zu sein, er plädiert für Freiheit und Flexibilität sowohl in der Denk- als auch in der Ausdrucksweise, sein einziger Herr ist das Wort, dem er treu dienen will. Er verfügt über seine eigene Syntax, befreit die Worte aus dem Zwangskleid der Gewohnheit und von der gefährlichen Banalität, verleiht ihnen echten Witz und neuen Schliff. Dabei zeigt sich sowohl seine Liebe für das Groteske, das Skurrile, das Parodistische, aber auch für das Philosophieren: „blitzartig durchfuhr mich / die Erfindung meiner künftigen Erinnerung.“ (S. 11)
Der Dichter Hellmut Seiler sucht und versucht, grübelt und seziert, hinterfragt und beleuchtet, kommuniziert mit der Welt und interpretiert diese sui generis. Er schafft einen neuen Wortapparat, der bestürzend-unterhaltsam sowie anspruchsvoll-belehrend wirken kann. Somit liefert Hellmut Seiler mit diesem Gedichtband einen neuen Beweis für seine gekonnte, inspirierte Schreibtechnik.

Dr. Mariana Lăzărescu

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