“Carmina mortae carent”

«Poematli nu cunoscu moartea!»
Mashi a meali trâ moarti
S-amintarâ!
Limba tu cari li-aspunu
Anarga-anarga
Câtâ ascâpitata-agârsheari
S-dutsi!

Hiu, poati, singura
Poetâ tu lumi cari
Moarti poemati amintâ!
Tsi, poati, tu cârtsâ
Va s-doarmâ
Câ nu va s-yinâ vâr’
S-li dishteaptâ!

«Poematli nu cunoscu moartea!»
Dzâtsea aushilji latinji…
Ama nu-i daima ashi!
Poematli-a meali tu carti
Vulusiti,
Nialeapti, agârshiti,
Semnu-ahânda
Di unâ limbâ tsi di multu eara!

 

"Carmina mortae carent"

"Gedichte kennen keinen Tod!"
Nur meine werden geboren,
Um zu sterben!
Die Sprache, in der ich sie schreibe,
Geht langsam, langsam
Dem untergehenden
Vergessen zu.
Ich bin, vielleicht, die einzige
Dichterin der Welt, die
Tote Gedichte gebärt,
Die, vielleicht, in Büchern
Schlafen werden,
Denn niemand wird kommen,
Und sie aufwecken!

............................................

"Gedichte kennen keinen Tod!"
Sagten die lateinischen Vorfahren ...
Aber es ist nicht immer so!
Meine Gedichte sind in Büchern
Eingesperrt,
Ungelesen, vergessen,
Werden sie Zeichen bleiben
Für eine Sprache, die verschwindet?

((Aus dem Aromunischen nach einer rumänischen Interlinearübersetzung von Horst Samson)

OBDACHLOSE ZEITEN

Jeder Tag eine Tretmine. Von Kugeln

Verfolgt hetzen Träume über den Bildschirm,
Gefangengehaltene

Wörter, mit denen niemand spricht ...

Auch wir sind stumm, sind weit davon entfernt
Unschuldig zu sein. Hinter der Stirn

Tobt der nach innen gewendete Schrei. Er ändert

Nichts. Leise rieselt der Tod am Ausgang
Des Jahrtausends. In dunklen Zeiten

Ist unter allen Streichhölzern die Liebe das kürzeste.

© Horst Samson

Aus der Vertäuung

Palimpsest


Nebel über Klang von Wolken
das Stimmenregister letzter Farben


zeichnet Denkfiguren in die Luft verlischt
Nachhall von Schrift


Dieser Eindruck man hätte Zeit
eine Spur hinter sich

© Ilse Hehn

Ilse Hehn, Palimpsest

Variation über einen Mantel

Der Mantel des Schweigens, gebreitet
in der Dunkelheit, der schützende Mantel
des Zweifels, die gehütete Zunge;
Gogols beredter Mantel, die Schatten
der Zweige draußen; sie alle
geistern durch dieses alte, längst fällige
Haus. – "Wie geht's, altes Haus?"

Ich schütze ihn vor, den verschlossenen,
verräterischen Mantel.
Umgebe damit die Dunkelheit.
Mich hütet die Zunge, es weiden die Worte,
lauter fremdartige Tiere, meine Zweifel.
Zweige geistern durch meinen Schatten:
Er fällt. Das Schweigen bricht mich.

aus: Hamersky, Hehn, Schlott, "Die Sehnsucht, die ist mir so leicht"
Schreiben im Exil, Pop Verlag, 2016

facebook Kontakt